Zu den Ölgemälden des armenischen Künstlers Vahram Harutyunyan

Wir begegnen in den Bildern des transkaukasischen Künstlers Vahram Harutyunyan einem technisch außerordentlich versierten Maler zwischen okzidentaler und orientaler Welt.
Augenfällig sind die Bezüge zum klassischen Altertum, manchmal zurückreichend in den ägyptischen Kulturraum, wie auch insbesondere zu christlichen Motiven der Renaissance. Kontrastierend hierzu sind in der Bildkomposition, oft auch im Zentrum des Bildes, geradezu plakativ wirkende Zeichen und Symbole der, materiell orientierten, westlichen Welt. So sehen wir im Zentrum des Bildes immer mal wieder repräsentative Automobile der sog. Premium-Klasse, die als eine Art Blickfang erst einmal unsere Aufmerksamkeit binden, wie dies auch durch die freizügige Darstellung weiblicher Körper, oft in Verbindung mit dem Element Wasser geschehen kann. Solch ein zentrales Bildelement kann aber auch ein Musiker oder auch eine Musikerin sein. Auch hier zumeist in einem Ambiente der westlichen Welt. Andere Bildelemente, die manchmal nur angedeuteten Charakter haben, da technisch nicht immer ausgestaltet, bilden eine narrative Umrahmung oder vielleicht auch anachronistische Gesellschaft, bzw. eröffnen Ausflüge im Sinne von Zeitreisen oder führen in eine kulturhistorische Umgebung, die an Querverbindungen denken lässt, hinsichtlich der Bezüge vergangener Geschichtsströme, die mit Symbolen, Heiligen, Märtyrern und anderen Protagonisten der christlichen Renaissancewelt neue Erzählräume und evtl. auch Diskursräume zur Moderne eröffnen.
Die Elemente Wasser, Luft und auch Erde tauchen immer wieder auf. Das Element Feuer findet sich eher selten und dann in symbolischer Weise durch den Löwen, die Löwin oder die Sonne. Erstaunen mag die Entdeckung auslösen, dass die zentralen Objekte, Figuren, Schwebende zu sein scheinen. Diese befinden sich immer wieder auf einer Art Flugbrett gelöst und abgehoben von der Erde, von dem Boden. Manchmal ist dies dann auch unmittelbar im Titel, z. B: Flight dokumentiert, wie bei einem Raumgleiter, der erkundend in Vierfüßlerposition auf seinem Flugbrett auf uns zukommt.
Hinsichtlich dieser elevativen Momente und der quasi Zeitreisen, Zeit-aus-flüge, die uns die Bilder aufzeigen und zu denen sie uns möglicherweise zugleich einladen, bewegt sich auch der Künstler selbst aus seinem angestammten armenisch-transkaukasischen Heimatraum heraus und transloziert sich in eher klassisch-historische und aktuell europäisch-westliche Kulturräume, durchaus auch mit Verweisen auf transatlantisch-US-amerikanische Kulturelemente.
Die Tatsache, dass Vahram Harutyunyan auch ausgebildeter Fresken- und Kirchenraummaler war und sein Blick sicherlich häufig nach oben gerichtet war, sein Arbeitsboden, wie schwebend vertäute Bretter waren, mag eine gewisse Reminiszenz darstellen an die Elemente von Elevation, Schweben und Fliegen. Hier ist ja zugleich ein wichtiger Hinweis gegeben auf eine spirituelle, eine christlich-religiöse Dimension, die in ihrem Narrativ und dem kanonischen Bericht der Auferstehung und Himmelfahrt in gewisser Weise ihre Geschichte und Wirksamkeit durch einen tranzendenten Zukunftsimpuls, hier modifiziert, ins Bild setzt.
Es sind Bilder, maltechnisch beeindruckend und den naheliegenden Charakter eines Trompe-l’œil evozierend, der dann aber regelmäßig durch die Hand des Künstlers nicht in Gänze durchgeführt wird, weil er, mit manchmal nur minimen, fragmentartigen, pixelartigen Elementen physisch-perfekte Ausgestaltung aufbricht oder unterbricht, quasi durch Zeitzeichen unserer computer-beeinflussten Zeit. Ein weiteres kontrastierendes Stilmittel, oft im Zusammenhang mit dem oben beschriebenen Narrativ überraschend auftauchender, sich hinzugesellender „Zeitzeugen“ anderer Epochen, ist deren bewusst unfertige oder nur vage und schemenhafte ins Bild gesetzte Darstellung. Bilder die oft und immer wieder mit einem ersten Blick nicht gänzlich zu erfassen sind, die uns zu einem zumindest zweiten Blick einladen und aufrufen. Lohnende Erkundungen ganz eigener Welten.

von Friedel Ulrich Lehmann